„Zugtiere“ für Wertschöpfung. Länderübergreifender Verein „Rhöner Biosphärenrind“ in Partnerschaft mit Tegut

Bei Familie Hohmann sind die „Rhöner Biosphärenrinder“ ganzjährig im Freien. Foto: Limpert

Hilders. Trotz der derzeitigen Kälte, die Landwirt Christian Hohmann bei der Arbeit klamme Finger macht, fühlen sich seine Tiere auf ihrer verschneiten Weide am Ortsrand von Wickers „sauwohl“ – sofern dieser Ausdruck in Bezug auf Rinder verwendet werden darf.

Das Schild vor der großflächigen Wiese mit geräumigem Offenstall weist auf die Bestimmung des Viehs hin: Die Tiere werden als Bio-Braten, -Rouladen und -Hackfleisch auf Fleischtheken der Handelskette Tegut landen.Die regionale Partnerschaft zwischen dem Verein „Rhöner Biosphärenrind“ und der Tegut-Tochter Kurhessische Fleischwaren Fulda GmbH (KFF) besteht seit über zehn Jahren und wurde maßgeblich von Eugen Sauer initiiert und begleitet. Damals für das Biosphärenreservat Rhön und mittlerweile beim Fachdienst Landwirtschaft des Landkreises Fulda tätig, wollte Sauer den Landwirten in der Rhön trotz Agrarwandels und sinkender Milchpreise eine Entwicklungsperspektive aufzeigen. Denn für den Erhalt der naturtypischen, von der UNESCO ausgezeichneten artenreichen Kulturlandschaft spielt die Landwirtschaft eine wichtige Rolle. Rhöner Bio-Weideochsenfleisch wurde als Marktlücke entdeckt, doch stieß die Direktvermarktung bald an ihre Kapazitätsgrenzen. Mit KFF als Partner haben nahezu unbegrenzt viele regionale Landwirtschaftsbetriebe die Möglichkeit, ihre ökologisch aufgezogenen Tiere zu einem jährlich fest ausgehandelten Preis unabhängig von Marktschwankungen abzusetzen. „Der Verein Rhöner Biosphärenrind hat für uns als Lieferant Priorität“, erläutert Herwart Groll von KFF, der als Mittelsmann zwischen den Landwirten und der Fleischverarbeitung fungiert. Regionalität, kurze Transportwege zum Schlachthof und der Aspekt der Landschaftspflege im Biosphärenreservat seien dafür die ausschlaggebenden Gründe. Im vergangenen Jahr betrug der Anteil des aus der Rhön stammenden Bio-Rindfleischs mit 905 Tieren knapp elf Prozent an der Gesamtmenge des von KFF verarbeiteten Bio-Rindfleischs.

Derzeit gehören 72 Höfe der Erzeugergemeinschaft an – von zwei Großbetrieben im benachbarten Thüringen bis hin zu kleinen Nebenerwerbslandwirten, die das Gros der Mitglieder stellen. Bei der Gründung waren es acht gewesen. Schriftführer Reinhold Stüß aus Poppenhausen-Steinwand ist einer dieser Pioniere und voll des Lobs für die KFF-Geschäftsführung: „Obwohl wir anfangs so wenige waren, hat KFF viel Zeit und Geduld für uns aufgewendet.“ Dankbar äußert er sich auch über das Gebaren während der BSE-Krise, wo das Unternehmen trotz des in den Keller gesackten Rindfleisch-Preises an den ausgehandelten Konditionen nicht gerüttelt habe.Ein weiterer Mann der ersten Stunde ist Albert Hohmann. „Wenn ich für den Genuss von Fleisch töte, dann dient es meiner Gewissensberuhigung, dass die Tiere zuvor artgerecht leben durften“, sagt der 66-Jährige. An seinen Sohn Christian, der hauptberuflich als Schreiner arbeitet, hat er diese Einstellung weitergegeben und 2005, mit der Hofüberschreibung, auch die Mitgliedschaft im Verein „Rhöner Biosphärenrind“. Christians Frau Tanja Hohmann kümmert sich um die Jahres- und Quartalsmeldungen mit den Angaben, wie viele Ochsen, Färsen (junge, weibliche Kühe), Mutterkühe und Kälber KFF von den einzelnen Bauern zu erwarten hat.Zur natürlichen Lebensweise des Rhöner Fleckviehs gehört unter anderem, dass es sich ganzjährig im Freien am wohlsten fühlt. Auch für die Verbraucher hat diese Haltung Vorteile: „Das Fleisch dieser Tiere enthält nachweislich gesunde Omega-Fettsäuren“, berichtet Albert Hohmann. Die beiden großen Gemeinschaftsweiden einiger Vereinsmitglieder am Steinkopf und am Mathesberg bei Wüstensachsen werden in diesem Winter dennoch erstmals nicht beweidet: „Im vergangenen Jahr lagen die Schneewehen so hoch, dass es schwierig war, zu den Herden zu gelangen“, erklärt Weidewart und zweiter Vorsitzender Stefan Hohmann, der in Hilders als Vollerwerbslandwirt Bio-Milch produziert und nebenher für KFF jedes Jahr etwa zehn Ochsen und Färsen aufzieht.

Auch wenn während des Winters weniger Vieh draußen zu sehen ist, legt die Erzeugergemeinschaft Wert auf Transparenz gegenüber den Verbrauchern. So möchte Christian Hohmann die Schilder, mit denen die Landwirte und Tegut neuerdings an Wanderwegen, vor Weiden und den Mitgliedshöfen auf das Projekt aufmerksam machen, durchaus als Einladung zur Besichtigung verstanden wissen.Auch untereinander tauschen sich die Vereinsmitglieder regelmäßig aus. In Kürze steht ein Besuch des Hofs von Peter Dänner aus Simmershausen an. Das neue Mitglied steigt im März von der Milchwirtschaft auf die Mutterkuhhaltung um. Mit relativ geringem Aufwand hat er seinen Boxenstall in einen Laufstall für über 50 Tiere umgebaut und befindet sich nun in der zwei Jahre dauernden ökologischen Umstellungsphase. Das Hofschild will der Vereins-Vorsitzende Peter Schneider aus Wickers ihm zu dem Besichtigungstermin gleich mitbringen.

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